Camo verklagt Apple: Hat der Konzern diese beliebte App einfach kopiert?

Webcam-App des Entwicklerstudios steht im Fokus

Camo & Apple Banner mit schwarzem Hintergrund - (c) Reincuberate

Das britische Entwicklerstudio Reincubate legt sich mit einem der mächtigsten Konzerne der Welt an: Das Unternehmen aus London hat Apple in den USA wegen Patentverletzung und Verstößen gegen das Kartellrecht verklagt. Im Zentrum steht die Kamera-App Camo, die seit 2020 Smartphones in hochwertige Webcams für Desktop-Rechner verwandelt und nach Darstellung von Reincubate von Apple systematisch kopiert und ausgebremst wurde. Der Fall wirft die grundsätzliche Frage auf, wie viel Raum unabhängigen Entwicklerstudios bleibt, wenn Plattformbetreiber ihre Ideen in Betriebssysteme einbauen und damit den Markt neu ordnen.

Wie Aidan Fitzpatrick, Gründer von Reincubate, in einem Blogbeitrag berichtet, begann alles vielversprechend: Apple habe sich bereits in der frühen Entwicklungsphase für Camo interessiert, tausende Angestellte nutzten die App intern, das Unternehmen lobte das Potenzial, nominierte Camo für einen Innovationspreis und stellte Partnerschaftsperspektiven in Aussicht. Aidan Fitzpatrick erklärt, Apple habe das Team ermutigt, „alles zu geben“ und zusätzliche Zeit und Ressourcen in die Integration auf Apple-Plattformen zu stecken. Parallel dazu habe Reincubate technische Details, Betaversionen und Marktdaten geteilt, da man glaubte, mit einem strategischen Partner zusammenzuarbeiten.


Der Bruch kam im Sommer 2022: Auf der Entwicklerkonferenz WWDC im Juni des Jahres stellte Apple die Funktion „Continuity Camera“ vor, mit der sich ein iPhone nahtlos als Webcam für Macs nutzen lässt. Camo bot diese Funktion bereits seit Jahren an. Fitzpatrick beschreibt in seinem Artikel, wie er die Keynote verfolgte und auf der Bühne jene Apple-Angestelle sah, die ihm zuvor Direktnachrichten geschrieben hätten, sie nutzten Camo „jeden Tag“ bei der Arbeit.

Apple soll sogenanntes „Sherlocking“ betrieben haben

Apples Continuity Camera mit einem iPhone an einem MacBook
Apples Continuity Camera habe laut des Reincubate-Gründers zahlreiche Funktionen von Camo übernommen.

Reincubate wirft daher Apple vor, das Prinzip des sogenannten „Sherlocking“ angewandt zu haben. Dabei wird zunächst ein Drittprodukt gefördert, dessen Ideen übernommen und anschließend eine tiefer integrierte Systemfunktion eingeführt, die die ursprüngliche App an den Rand drängt.

In seinem ausführlichen persönlichen Blogbeitrag beschreibt Fitzpatrick auch die psychologische Seite des Konflikts: Das Apple-Management habe Bedauern geäußert und Gespräche angeboten, in denen man das Problem anerkannte und Besserung in Aussicht stellte, allerdings meist ohne sich schriftlich festzulegen. Man dankte ihm dafür, dass er „nicht mit dem Schnuller geworfen“ habe, wie er eine interne Metapher zitiert, in der er sich selbst als Baby wiederfindet, das entweder einen kurzen Wutanfall habe oder sanft „im Kinderwagen in den Schlaf gewiegt“ werde. Aus seiner Sicht zielten die immer neuen Vertröstungen wie „in zwei Wochen sprechen wir weiter“ oder „noch keine Neuigkeiten, aber bald“ darauf ab, Zeit zu gewinnen, bis Continuity Camera etabliert war und ein Deal mit Reincubate entbehrlich erschien.

Technisch und wettbewerbstechnisch hingegen geht es um mehr als eine einzelne Funktion. Reincubate erklärt, dass frühere „Smartphone-als-Webcam“-Lösungen umständlich arbeiteten, weil sie komplizierte Treiber erforderten, schwache Performance lieferten und Dienste wie Zoom oder Webex virtuelle Kameras lange blockierten. Mit Camo denkt das Team das Konzept neu, vereinfacht die Bedienung und sorgt gemeinsam mit Nutzern sowie Plattformpartnern dafür, dass virtuelle Kameras akzeptiert werden. Apple habe die eigenen Continuity-Funktionen hingegen so gestaltet, dass sie eng an den „Walled Garden“ geknüpft seien: Continuity Camera funktioniert ausschließlich zwischen iPhone und Mac, könne sich automatisch in den Vordergrund drängen und nutze Systemprivilegien, die Drittanbietern verwehrt blieben.

Fitzpatrick: Apples Marktmacht behindert interoperable Lösungen

Camo-App auf einem Mac
So sieht die Camo-App auf einem Mac aus.

Genau an dieser Stelle setzt auch die Klage von Reincubate an. Das Entwicklerstudio wirft Apple vor, nicht nur zwei eigene US-Patente zur Videoübertragung zwischen Geräten verletzt zu haben, sondern auch seine Marktmacht in iOS und macOS zu nutzen, um interoperable Lösungen gezielt zu benachteiligen. Der Konzern habe Innovationen, die das Nutzererlebnis zwischen verschiedenen Plattformen – etwa zwischen iPhone, Windows-PCs und Android-Geräten – vereinheitlichen könnten, aus strategischen Gründen gebremst. So sollen User laut Aidan Fitzpatrick stärker an das Apple-Ökosystem gebunden werden.

Der Reincubate-Gründer stellt daher die Frage, ob Entwicklerinnen und Entwickler künftig noch grundlegende Bausteine digitaler Erlebnisse gestalten können oder ob wenige Plattformbetreiber den Markt dominieren, indem sie vielversprechende Ideen zunächst fördern und anschließend in ihre eigenen, geschlossenen Systeme integrieren.

„Wir möchten großartige Software entwickeln, die das Leben von Milliarden Menschen berührt, die Zukunft von Arbeit und Freizeit vorantreibt und dazu beiträgt, dass die Welt glücklicher und produktiver wird. Alles, was wir dafür brauchen, sind gleiche, rechtliche Wettbewerbsbedingungen“, schließt Aidan Fitzpatrick seinen Beitrag. „Wünscht uns Glück.“ Mehr zu Camo findet ihr auf der Website von Reincubate.

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Ich bin seit 2011 Teil des appgefahren-Redaktionsteams und war schon immer an Innovationen im Tech-Bereich und Gadgets interessiert. Wann immer es praktisches Outdoor-Zubehör oder interessante Foto-Apps gibt, bin ich Feuer und Flamme, denn auch in meiner Freizeit bin ich gerne mit dem Rad oder der iPhone-Kamera unterwegs. Seit einiger Zeit nutze ich aktiv das Fediverse und berichte über neue Apps, Dienste und Entwicklungen.

Kommentare 1 Antwort

  1. Amerika first eben.

    So denkt nicht nur der Dummschwätzer an der Spitze der Regierung, sondern auch Firmen in den USA und ihre Lenker und Lenkerinnen. Leider.

    Ich für meinen Teil glaube der britischen Firma und wünsche ihr wirklich Erfolg mit ihrer Klage.

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