Interview: Es gibt kein Bewusstsein für das Handwerk der App-Entwickler

Jennifer Schneidereit (Foto: Mitte), mitverantwortlich für das schicke iOS-Spiel Tengami, hat mit uns über die Entwicklung ihrer App und die Entwicklung des App Stores gesprochen. Im Interview lest ihr, warum es kleine Entwickler heutzutage nicht mehr einfach haben.

Tengami Entwickler

Im Februar habt ihr mit Tengami euer erstes Spiel veröffentlicht. Es ist definitiv „anders“. Wie würdet ihr das Spiel in ein paar Sätzen zusammenfassen?
Jennifer Schneidereit: Tengami ist ein atmosphärisches Abenteuer in einem japanischen Aufklappbuch oder Pop-Up-Buch. Die Spieler manipulieren die Welt direkt, indem sie zum Beispiel Teile des Buches falten, blättern oder verschieben. Es gibt Rätsel, die zu lösen sind, allerdings geht es in Tengami eher um die Stimmung. Das Spiel ist sehr ruhig und fast meditativ. Wir sagen manchmal „Chill-Out“-Spiel oder „Gute-Nacht“-Spiel, anstelle einer „Gute-Nacht“- Geschichte.


Für den Download muss man 4,49 Euro bezahlen. Laut den Rezensionen ist das für einige Nutzer zu viel. Wie schätzt ihr das Preis/Leistungsverhältnis ein?
Jennifer Schneidereit: Während der Entwicklung von Tengami haben Phil und ich oft darüber diskutiert, dass es doch schön wäre wenn es Spiele gibt, die man sich abends kauft und dann innerhalb einer Spielfilmzeit durchspielen kann. Also im Prinzip ein Ersatz für den Abendfilm oder einen Kinobesuch. Qualitative Spiele, für die man nicht sein Leben umstrukturieren muss, sondern die in das alltägliche Leben passen. Mit Tengami haben wir versucht so ein Spiel zu erschaffen und haben uns bei dem Preis/Leistungsverhältnis am Kino orientiert. Der durchschnittliche Kinofilm ist zwischen 90 bis 120 Minuten lang. Tengami hat im Durchschnitt zwei Stunden Spielzeit. Einen Kinofilm kann ich mir für den Preis von 6,50 Euro ein Mal ansehen. Tengami gehört mir und ich kann es so oft spielen, wie ich will, sowie mit Familienmitgliedern und Freunden teilen. Bezieht man dann noch die Entwicklungszeit von 3 Jahren ein, sowie die einzigartige Pop-Up-Technologie, die wir speziell für Tengami entwickelt haben, finde ich das Preis/Leistungsverhältnis fair und sogar zugunsten der Anwender.

Hinter hochwertigen Spielen steckt sehr viel Arbeit

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Glaubt ihr, dass die Preise im App Store kaputt sind? Viele Nutzer erwarten, dass es alles kostenlos oder für maximal 89 Cent gibt.
Jennifer Schneidereit: In den letzten drei bis vier Jahren hat meiner Meinung nach ein Preisverfall im App Store stattgefunden. Software wird oft als Service oder Bonus gesehen und hat wenig Wert. Dies steht im Kontrast zu den teuren „iGeräten“. Zum einen profitiert Apple natürlich von dieser Erwartung, da sie ihr hauptsächliches Geschäft mit den iPads und iPhones machen. Die „billigen“ Apps werden dadurch so etwas wie ein Bonus für den Gerätebesitzer. Zum anderen ist den Nutzern meiner Meinung nach nicht bekannt, wie viel Arbeit und Zeit in die Herstellung eines hochwertigen Spieles wie Tengami geht. Wieso kann Flappy Birds in zwei Tagen entwickelt werden, aber Tengami braucht drei Jahre, werden sich vielleicht einige Fragen? Es gibt kein Bewusstsein für das Handwerk der Computerspiele-Entwicklung, daher gibt es auch nur wenige Menschen, die diese zu schätzen wissen. Ich würde nicht unbedingt sagen, dass die Preise deswegen kaputt sind, aber sie passen eben nur für eine gewisse Gruppe von Spielen. Dies sind Spiele, die man in relativ kurzer Zeit, in weniger als einem Jahr, entwickeln kann und die man bestenfalls mit mehr Inhalt erweitern kann, um die Lebenszeit im App Store zu verlängern. Badlands und Cut the Rope sind da gute Beispiele.

War es für euch eine Option, Tengami als Free-to-Play-Spiel anzubieten?
Jennifer Schneidereit: Auf keinen Fall. Wir haben Tengami mit Liebe entwickelt und haben gehofft, dass es für einige Leute etwas besonderes und magisches sein wird. Da kann ich die Spieler nicht schon mit einer Lüge dazu bringen, dass Spiel überhaupt erst einmal auszuprobieren. Bei „Free-To_Play“ geht es ja nur darum, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Die wenigen Spiele, die versuchen „Free-To-Play“ ethisch einzusetzen, wie zum Beispiel Triple Town, machen oft nicht genug Profit.

Würdet ihr Tengami noch einmal in dieser Form veröffentlichen oder würdet ihr irgendetwas anders machen als beim „ersten Mal“?
Jennifer Schneidereit: Wir sind unverbesserlich und würden alles noch einmal genauso machen (lacht). Tengami ist natürlich nicht perfekt und es gibt einiges was ich im Nachhinein verbessern würde. Im Großen und Ganzen haben wir unser Ziel erreicht, ein innovatives und wunderschönes Erlebnis zu erschaffen, dass für einige – nicht für alle – Nutzer etwas besonderes ist.

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Kommentare 14 Antworten

  1. Ich find den Preisverfall im AppStore auch schlimm. Es wird sich aufgeregt, dass Spiele 89 cent kosten und nicht kostenlos sind, aber sich am nächsten McDonalds n Cheeseburger holen von dem man gar nix hat.

    1. Den Vergleich ziehe ich auch oft. Es wird einfach so mal ein Mc Menü für ca. 6 Euro bestellt, was weder satt macht noch gesund oder irgendwas ist, aber wenn es um Apps geht werden da Tiefstpreise erwartet. Eigentlich traurig. Wertschätzung komplett verdreht ^^

    2. Das Problem ist hausgemacht. Siehe iTunes-Guthabenkarten. Wer bezahlt bei den inflationären Angeboten durch Discounter, Tankstellen etc noch den vollen Preis ? Genauso sehe ich bei den App-Preisen.

  2. Sehr schöner Artikel! Von In-App Käufen halte ich in der Regel nichts. Ohne sie bekommen aber viele kleinere Entwickler-Studios Geldprobleme. Ein gutes Beispiel ist Infinite Flight. Mit dieser App wurde ein Flugsimulator geschaffen, der schon seit vielen Jahren regelmäßig mit Updates versorgt wird. In-App Käufe sind hierbei leider unumgänglich.
    Leider wollen einige Leute für hochwertige Spiele keine 4 Münzen locker machen, geben aber massig Geld für virtuelle Goldschubkarren aus.

    1. Solche In-App-Käufe sind auch völlig in Ordnung. Man weiß ja vorher, was man bekommt und darf das auch behalten und nutzen.

      Bei Spielen mit den ganzen Münzen und Donuts ist das aber eine ganz andere Sache…

  3. in app käufe finde ich grundsätzlich geldschneiderei ! ein gutes spiel kostet einfach seinen preis, aber wie kann ich herausfinden, was ein gutes spiel ist. die bewertungen im appstore sind da ja sowas von unterschiedlich und eine objektive beschreibung gibt es oft nicht. und ebenfalls vermisse ich, dass beschriebene probleme nicht wirklich kommentiert werden.

    1. Gerade bei den „kritischen“ Bewertungen, also den Rezensionen mit einer Problemschilderung, ist es leider auch immer das Problem, dass Entwickler nicht auf die Anliegen der Nutzer antworten können, um Support zu geben. Das wäre schon eine sehr hilfreiche und faire Sache.

  4. Es müsste einen Mindestlohn für Entwickler geben 😉 ich hab auch ein Spiel im Store: ca. 1000h dran gearbeitet – unglaubliche 20€ verdient. Stundenlohn: 2 Cent. Mit 8.5€ Mindestlohn wäre da deutlich mehr rum gekommen 😉

    1. Gravity Freeze heißt es. Es hat so lange gedauert weil ich alles komplett selber gemacht habe: Programmierung, Leveldesign, Grafiken, Musik. Man glaubt immer gar nicht was da so alles drin steckt. Die Physic Engine muss programmiert werden, die Menüs müssen schick ausehen und funktionieren, die Highscores müssen gespeichert und übertragen werden, es muss ein Leveleditor programmiert werden mit denen man Level direkt im Spiel bauen kann, für jeden kleinen Button müssen Grafiken erstellt werden, ein Tutorial muss eingebaut sein, ….. Und das ganze Spiel muss „polished“ aussehen. http://youtu.be/1Xy6F1MaRCI

  5. Ich find es auch einfach nur noch schlimm. Ich höre immer von vielen 0,89 Cent sind so teuer… OMG aber dann wie die anderen schon geschrieben haben, Irgentdwelche Coins für 80€ kaufen! Ich programmiere selber App ;D (bin 13 Jahre alt) und weiss auch wie viel Arbeit das ist! Aber wenn die App gut sind habe ich KEIN Problem dann bis zu 5 € oder mehr auszugeben.

    Was ist nur mit den Leuten passiert 😀
    Naja zum Glück Denken nicht alle so 🙂

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