Gewaltfrei in die Zukunft: App zur Unterstützung bei häuslicher Gewalt in Entwicklung

Niedrigschwellige Hilfe zur Selbsthilfe

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass weltweit fast jede dritte Frau (27 Prozent) im Alter von 15 bis 49 Jahren in irgendeiner Form körperlicher und/oder emotionaler Gewalt in ihrer Partnerschaft ausgesetzt war. In Deutschland gab es laut des Bundeskriminalamts im Jahr 2019 mehr als 141.000 Opfer von häuslicher Gewalt, 81 Prozent davon Frauen. Die Dunkelziffer dürfte laut des Weißen Rings, einer Anlaufstelle für Kriminalitätsopfer, jedoch deutlich höher liegen.

Die Folgen für Opfer sind schwerwiegend: Neben physischen sind auch psychische Wunden das Resultat von häuslicher und Partnerschaftsgewalt. Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), Angst- und Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten, Substanzabhängigkeiten und mehr belasten Opfer und machen in vielen Fällen psychotherapeutische Hilfe notwendig. Im Jahr 2011 starben laut PKS (polizeiliche Kriminalstatistik) zudem 49,2 Prozent (154 von 313) aller getöteten Frauen durch die Hand ihres aktuellen oder ehemaligen Partners.


Häusliche Gewalt hat auch im digitalen Zeitalter nicht abgenommen. Häufig kommen Technologien zum Einsatz, um Opfer zu verfolgen, auszubeuten und zu kontrollieren. Auch Apples AirTags waren im Zusammenhang mit Stalking bereits in die Kritik geraten. Ein Bericht von Motherboard zeigte das ganze Ausmaß des AirTag-Stalkings auf: „Die überwiegende Anzahl der Berichte kam von Frauen. Nur in einem der 150 Fälle, die wir überprüft haben, ging es um einen Mann, der seine Ex-Freundin verdächtigte, ihn mit einem AirTag zu verfolgen.“

Projekt 2017 beim Hackathlon der Bundesregierung vorgestellt

Die Welt der Technik kann aber auch helfen, dieses große gesellschaftliche Problem anzugehen. Neben Crowdfunding wie bei YouHelp, Kampagnen in sozialen Netzwerken oder KI-Systeme, die Muster häuslicher Gewalt erkennen und vorhersagen können, gibt es auch eine beachtenswerte Initiative aus Deutschland, „Gewaltfrei in die Zukunft“, die sich auf die Seite der Opfer stellt. Das Projekt wurde 2017 von Stefanie Knaab beim Hackathlon der Bundesregierung ins Leben gerufen und setzt unter anderem auf die Idee einer Tarn-App für Frauen, die unter häuslicher Gewalt leiden.

Das Vorhaben will „Betroffenen häuslicher Gewalt mittels einer App niedrigschwellig Hilfe zur Selbsthilfe anbieten und der Gewaltprävention dienen“, so die Beschreibung auf der Website von Gewaltfrei in die Zukunft. Dabei arbeitet der Trägerverein GfZ e.V. unter anderem interdisziplinär mit vielen Partnern zusammen, darunter dem BIG e.V. (Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen), dem LKA Niedersachsen, der Polizeidirektion Hannover sowie der Region Hannover. Das Projekt wird zudem vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz gefördert.

Mütter als besondere Zielgruppe der App

Die App befindet sich aktuell in der Entwicklung und soll zunächst vor allem ein Hilfsmittel für erwachsene Frauen sein, die von Gewalt in der Partnerschaft betroffen sind – wobei Mütter eine besondere Zielgruppe darstellen. Die Nutzerinnen haben die Möglichkeit, wichtige Informationen über häusliche Gewalt abzurufen sowie einen Angriff zu melden. So können sie Beweise wie Fotos von Verletzungen oder Tagebucheinträge sammeln, die in der App verschlüsselt gespeichert werden und später vor Gericht verwendet werden können.

Im Falle eines lebensbedrohlichen Ereignisses können Frauen einen In-App-Anruf bei der Polizei tätigen, ohne sprechen zu müssen. Alternativ kann die App auch eine Person des Vertrauens benachrichtigen. Weiterhin erhalten die Nutzerinnen wichtige Hinweise auf Unterstützungseinrichtungen, falls sie ihre Beziehung verlassen wollen. Da viele Täter auch Zugriff auf das Smartphone ihres Opfers haben, ist die Tarnung einer solchen App ein entscheidendes Element. Stefanie Knaab und ihre Initiative machen daher ausdrücklich keine Angaben zu ihrer App, um zu verhindern, dass Täter häuslicher Gewalt sie erkennen können.

Solltet ihr selbst Opfer von häuslicher Gewalt sein, könnt ihr das bundesweite Hilfetelefon unter der kostenlosen Telefonnummer 08000 116 016 in Anspruch nehmen. Dabei handelt es sich um ein jederzeit erreichbares Unterstützungsangebot für Frauen, die von jeder Form von Gewalt betroffen sind. Wer als Mann von häuslicher oder sexualisierter Gewalt betroffen ist, findet unter der kostenlosen Rufnummer 0800 1239900 und auch in einem Onlinechat das Hilfetelefon Gewalt an Männern. Der Weiße Ring bietet darüber hinaus ein Opfertelefon, persönliche Hilfe und eine Onlineberatung an. Natürlich kann auch die Polizei, die über speziell geschulte Einsatzkräfte gegen häusliche Gewalt verfügt, unter der Telefonnummer 110 angerufen werden.

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Kommentare 2 Antworten

  1. Gut, dass es sowas gibt, bzw. geben soll. In den meisten Fällen von häuslicher Gewalt sind auch Kinder mitbetroffen.
    Es ist wichtig, dass das Thema angesprochen wird und auch klar gemacht wird, dass Gewalt, Unterdrückung und Isolation in einer Beziehung nichts verloren haben.

  2. Guter artikel. Gehört sicher nicht in „appgefahren“ von der themathik und doch ist ja alles immer mehr verbunden, wenn manchmal auch nur einen tick.
    👍

    Jer, der schon einmal mit häuslicher gewalt, und hier insbesondere gewalt gegen frauen, zu tun gehabt hat, sollte die beratungsstellen und -möglichkeiten in anspruch nehmen.
    Wer einmal prügelt, macht es immer wieder, so meine meinung.
    Das sollten frauen nicht. vergessen. Beim ersten mal sofort trennen und nicht mehr zurückgehen, – egal was der andere sagt und verspricht. ‼️

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