iBeer: Eine Story von Erfolg und Vergessenheit

Interview mit dem Entwickler

7 Kommentare zu iBeer: Eine Story von Erfolg und Vergessenheit

Es ist mittlerweile schon mehr als 15 Jahre her, dass Apple das allererste iPhone präsentiert hat. Zum Start war das Konzept des App Stores längst noch nicht so ausgereift wie heute, und nur wenige Anwendungen standen zum Download bereit. Eine der ersten ihrer Art war iBeer, eine visuelle Spielerei, mit der iPhone-User digital ein Bier trinken konnten, indem sie ihr Smartphone wie ein Glas an den Mund führten und kippten. Das Display des iPhones zeigte dabei ein sich langsam leerendes Glas Bier an.

Nichts besonderes, aber durchaus ein netter Party-Gag, der sicher bei vielen für den ein oder anderen Lacher gesorgt haben dürfte. Das Mel Magazine (nein, nicht mein zweites Standbein) hat nun den Entwickler von iBeer interviewt, Steve Sheraton. Er machte bereits Geld mit seiner auf einem Video basierenden App, bevor Apple den eigenen App Store überhaupt eröffnete. iBeer basierte auf einer Abwandlung von E-Spresso für den Palm Pilot, das auf dem gleichen Konzept beruhte. Als Magier war Sheraton mit diesen Apps ganz in seinem Element.


„Alles, was mit visuellen Effekten schockiert oder witzig ist, ist genau mein Ding. Ich habe die allererste Version dieses Mechanismus für den Palm Pilot gebaut, genannt E-Spresso, der den kleinen monochromen Bildschirm in eine Tasse Kaffee verwandelte – aber weil er keinen Beschleunigungsmesser hatte, habe ich nur ein Video gemacht, das man mit der Trinkbewegung synchronisieren konnte.“

Als Apple dann das erste iPhone veröffentlichte, sah Sheraton seine Chance gekommen und erstellte statt des Espressos für den Palm eine alternative Variante mit einem Bier. Als er dann ein kleines Video bei YouTube hochlud, das ihn beim Biertrinken mit dem iPhone zeigte, ging der kleine Clip durch die Decke. Der Entwickler berichtet im Interview, dass er pro Tag um die 2.000 USD nur mit dem Verkauf der Bier-Videodatei verdiente.

„Ich war völlig pleite, versuchte gerade so über die Runden zu kommen, lebte auf der Couch eines Freundes, und plötzlich wurde das Video millionenfach angesehen, was im Jahr 2007 sehr viel war. Die Leute flehten mich an, dieses ‚Ding‘ auf ihre Handys zu bekommen – es gab noch nicht einmal ein Wort für ‚App‘. […] Es war nur eine kleine Videodatei, die die Leute über iTunes herunterladen mussten. Aber ich habe damit wahrscheinlich die längste Zeit etwa 2.000 Dollar pro Tag verdient.“

Als Apple dann den App Store eröffnete, wandte man sich auch an Steve Sheraton, um iBeer im dortigen Marktplatz anzubieten. Er verwendete Loop-Videos und Bildsequenzen, machte vom Gyrosensor des iPhones Gebrauch und entschied sich, 2,99 Euro für die Anwendung zu verlangen.

„Abgesehen von seinem visuellen Humor und dem Appell an den kleinsten gemeinsamen Nenner war iBeer ein großer Erfolg, weil es den Leuten ermöglichte, ihren Freunden zu zeigen, was das Telefon alles konnte. Man konnte ihnen Landkarten und all diese komplizierten Dinge zeigen, aber iBeer war einfacher zu verstehen und eine witzige, unterhaltsame Art, den Beschleunigungssensor des iPhones und sein helles Display mit lebensechten Farben zu präsentieren.“

iBeer wurde in mehreren Publikationen erwähnt, darunter The New York Times, Fortune, CNN Money und Times, und brachte dem Entwickler und seinem Team von Hottrix zu besten Zeiten 10.000 bis 20.000 USD pro Tag ein. Im Jahr 2010 sanken die Downloadzahlen der App dann aber kontinuierlich, und Sheraton entschied sich, sowohl der App, als auch dem Unternehmen den Rücken zu kehren. Der Entwickler summiert rückblickend:

„Ein guter Witz kann nur eine bestimmte Anzahl von Malen erzählt werden. Außerdem veränderte sich das Geheimnis der Technologie selbst, und der Geschmack der Menschen änderte sich. Das ging alles Hand in Hand.“

Steve Sheraton zog sich danach zurück und trat die Rechte von iBeer an Hottrix ab.

„Es hat großen Spaß gemacht, sie zu kreieren und an die Spitze zu bringen, aber dann musste ich weiterziehen und etwas anderes machen.“ 

Heute lebt Sheraton, mittlerweile 52 Jahre alt, mit seiner Familie auf einem Bauernhof in Spanien und entwickelt mobile Apps für Magier. „Ich bin froh, dass ich mich mit meiner Familie und meinen Obstbäumen verstecken kann. Ich fühle mich dabei viel wohler, als mich mit einer App herumzuschlagen, die wie ein Bier aussieht.“ Das gesamte Interview kann beim Mel Magazine in englischer Sprache gelesen werden.

Fotos: Steve Sheraton/Hottrix, via 9to5Mac)

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Kommentare 7 Antworten

  1. Für solche Partygag-Apps bin ich wohl die falsche Zielgruppe. Da bin ich zu sehr IT-ler für. Da denke immer „mein System zumüllen, nur damit jemand für 1 Sekunde lacht, nee lass mal“. Erstaunlich, dass tatsächlich Millionen von Menschen sowas interessant finden.

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