mobil.nrw: Nachfolger des NRW Navigators blickt im Tarif-Dschungel nicht durch

Trotzdem von den Medien gefeiert

Wenn ich die Wahl habe, ob ich mit dem Auto fahre oder nur ein paar Minuten länger brauche und mich stattdessen in öffentliche Verkehrsmittel setze, dann wähle ich zumeist Bus und Bahn. Doch selbst in einem Ballungsgebiet wie dem Ruhrgebiet und Nordrhein-Westfalen läuft aktuell noch vieles verkehrt – und daran kann auch die überarbeitete und groß angepriesene App mobil.nrw (App Store-Link), der Nachfolger des NRW Navigators der Deutschen Bahn, nicht viel ändern.

Zunächst einmal wollen wir schauen, was die Macher der App über ihr neues Angebot sagen. In einer Pressemitteilung heißt es:

Seit heute steht allen ÖPNV-Kunden in Nordrhein-Westfalen ein neues digitales Angebot zur Verfügung: Erstmalig können die Fahrscheine des NRW-Tarifs sowie die Verbundtickets des Aachener Verkehrsverbundes (AVV), des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr (VRR), des Verkehrsverbundes Rhein-Sieg (VRS) und Tickets des WestfalenTarifs in digitaler Form und aus einer Hand erworben werden.

So weit, so gut. Auch die App selbst ist technisch sicherlich nicht schlecht umgesetzt. Sie läuft flüssig und schnell, da hat man in den vergangenen Jahren schon ganz andere Sachen gesehen, etwa vom VRR. Nun könnte ich sagen, dass mich die mobil.nrw-App optisch nicht unbedingt vom Hocker haut und ich die Schrift überall ein kleines bisschen zu klein finden – irgendwo müssen die ganzen Infos und Verbindungen dann aber auch hin.

Wenn ich dann aber in Medien wie Heise oder der Welt lesen muss, dass das neue Angebot etwa eine Million Euro gekostet hat und nun überall gefeiert wird, dann könnte ich glatt die Tastatur aus dem Fenster werfen. Warum? Weil auch mobil.nrw nicht der Heilsbringer ist, für den es alle halten. Das möchte ich euch mit zwei Beispielen erklären.

Beispiel A: Von Bochum nach Osnabrück

Kurz hinter der Landesgrenze gelegen, kommt man mit mobil.nrw auch noch nach Niedersachen und Osnabrück, die Fahrtzeit liegt je nach Verbindung mit Regionalzügen bei rund zweieinhalb Stunden. In der App wird mir an erster Stelle ein SchöneReiseTicket für eine Einzelfahrt zum Preis von 40,40 Euro angeboten. Etwas tiefer ist etwas versteckt unter Pauschaltickets auch ein SchöneFahrtTicket für 20,40 Euro zu finden, allerdings ist dieses Ticket nur zwei Stunden gültig, man wäre in der letzten halben Stunde also ein Schwarzfahrer. Aber: Kurz darunter gibt es dann noch das SchönerTagTicket NRW für 31 Euro – auch das ist deutlich günstiger als der erste Vorschlag in der App und noch dazu den ganzen Tag gültig.

Es wird aber noch besser: mobil.nrw zeigt auf Wunsch auch IC- und ICE-Verbindungen an, für diese gibt es aber keine Tickets, obwohl die App ja von der Deutschen Bahn stammt. Im DB Navigator wiederum findet man problemlos eine Verbindung von Bochum nach Osnabrück mit einem Umstieg in Dortmund und einer bequemen Fahrt im IC, die einen 30 Minuten schneller als Ziel bringt. Der Preis im DB Navigator: 32 Euro, also immer noch deutlich günstiger als das erste vorgeschlagene Ticket in mobil.nrw.

Beispiel B: Von Bochum nach Köln mit einem Städteticket

Diese Strecke ist meine Frau in der vergangenen Woche selbst gefahren. Wir haben ein Ticket 2000, mit dem wir hier in Bochum unbegrenzt durch die Gegend fahren können, nach 19 Uhr und am Wochenende sogar im kompletten Verkehrsverbund Rhein Ruhr. Leider gibt es in mobil.nrw keine Möglichkeiten, dieses Ticket in der App zu hinterlegen. Und so wird mir für die Fahrt von Bochum nach Köln wieder das SchöneReiseTicket für dieses Mal 25,60 Euro angeboten, etwas versteckt gibt es wieder das SchöneFahrtTicket für 20,40 Euro. In den Tiefen des Systems könnten wir aber auch das Zusatz-Ticket EinfachWeiterTicket für 6,80 Euro buchen.

Auf der Rückfahrt, die nach 19:00 Uhr stattgefunden hat, ist unser vorhandenes Städteticket sogar im ganzen VRR gültig. In diesem Fall hätte es sogar ausgereicht, von Köln (VRS) aus ein Ticket bis zur ersten Haltestelle im VRR-Bereich zu buchen, das wäre Dormagen. Der Preis: 3,60 Euro.

Und es geht noch besser: Wer kein Städteticket hat, könnte einfach ein Einzelticket für die Strecke Köln – Dormagen und ein weiteres Ticket für die Strecke Dormagen – Köln kaufen. Macht zusammen 19,30 Euro und ist damit günstiger als das günstigste von der App vorgeschlagene Ticket.

Unser Fazit: mobil.nrw macht den Tarifdschungel nicht übersichtlicher

Wie ihr an den beiden Beispielen seht, ist es nicht so einfach, das beste und günstigste Ticket zu finden. Aber doch genau aus diesem Grund braucht es einen Helfer, der die besten, schnellsten und einfachsten Verbindungen samt der günstigsten Tickets liefert. Und genau das ist mobil.nrw aus unserer Sicht ganz bestimmt nicht.

Aber ist das Problem am Ende überhaupt die App? Oder vielleicht doch das komplette System? Ist der Nahverkehr in Nordrhein-Westfalen und im Ruhrgebiet zu kompliziert und vor allem zu teuer? Meine kurze und knappe Antwort: Ja. Unterstreichen möchte ich das abschließend mit folgenden Beispiel: Wenn meine Eltern aus Recklinghausen zum Einkaufen in die Bochumer Innenstadt fahren wollen, dauert das mit öffentlichen Verkehrsmitteln 30 Minuten, mit dem Auto bräuchten sie ungefähr genau so lang. Für die Nahverkehrsverbindung zahlen sie zusammen für Hin- und Rückfahrt mindestens 22 Euro (4er-Ticket Preisstufe B). Und wenn das Parkhaus dann pro Stunde nur 1,20 Euro kostet, sehe ich zumindest hier keinen Anreiz, das Auto doch mal stehen zu lassen.

Im Nahverkehr läuft zumindest bei uns in der Region noch einiges verkehrt. Und wenn sich nicht endlich mal ein paar schlaue Köpfe vernünftige Gedanken machen, wird das mit der Verkehrswende auch in den kommenden Jahren nichts.

Kommentare 4 Antworten

  1. Ich hatte die app aus dem TV (WDR) heruntergeladen und war eigentlich froh, dass die landesregierung hier was auf die beine gestellt hat (Klar, nicht alleine nur die landesregierung).

    Was hier im artikel aber angesprochen wird lässt mich erschaudern bei dem gedanken, dass es sicherlich nur eine kleine auswahl von fehlern ist!

    Vielen dank für den hinweis. Klasse, daumen hoch!

  2. Weitere Schwachpunkte:

    Soweit ich sehen kann werden die Online-Rabatte der VRS-App nicht eingerechnet, d.h. man ist 11% teurer unterwegs als bei Buchung in der VRS-App (die im Übrigen auch NRW-Tickets etc. mit Rabatt anbietet).

    Und zur Verlässlichkeit der Daten: Ich habe mal die Verbindungen von Köln-Langel-Nord nach Leverkusen-Mitte suchen lassen und als erste Etappe einen 821 Meter langen Fußweg (32 Minuten) zum Bus in Leverkusen Hitdorf ausgewiesen bekommen. Der Fußweg führte über den Fähranleger Langel zum Fähranleger Hitdorf und dürfte selbst für geübte Schwimmer nicht in der angegeben Zeit zu schaffen sein – zu Fuß wären nur deutlich über 2 Meter große Menschen beim niedrigsten Pegel des vergangenen Sommers rübergekommen, theoretisch zumindest. Abgesehen davon wird diese Verbindung auch außerhalb der Betriebszeiten der Fähre angeboten (10 bis 14 Stunden pro Tag, je nach Wochentag und Jahreszeit). Wer nach der spätesten Abfahrtszeit von 20:15 Uhr ankommt (im Winter früher) wird also bis zum Morgen warten und das dann abgelaufene Ticket erneuern müssen (oder doch eine alternative Route wählen, für die das gekaufte Ticket dann aber auch nicht gilt).

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